Der Zeitkurier, Roman von Wesley Chu

Erstauflage, NEO und Anderes
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Vivian-von-Avalon
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Der Zeitkurier, Roman von Wesley Chu

Beitrag von Vivian-von-Avalon » 25.06.2018, 12:55

Der Roman Der Zeitkurier erschien im Herbst 2017 als deutsche Neuerscheinung bei Heyne.

Ich habe ihn für das Paradise-Magazin des Terranischen Club EdeN (TCE) gelesen und rezensiert.
Hier noch einmal für die Foristen dieses Forums mein Text:

Inhalt:

Spoiler
In einigen hundert Jahren ist die Erde kaum noch bewohnbar. Nach dem dritten Weltkrieg und einigen kleineren Kriegen sind die Rohstoffe des Planeten völlig ausgeplündert. Die Städte sind zerstört, die Umwelt verschmutzt.
Aus dem einstmals blauen Planeten ist ein brauner Sumpf geworden. Stürme wechseln mit Schlammregen, die Oberfläche der Meere sind bis zu sechs Metern tief mit Algen und Unrat bedeckt.
Nur noch wenige Menschen leben auf der Erde, die meisten haben sich auf die äußeren Planeten zurückgezogen. Um dort zu überleben, brauchen sie Energie und Nahrung. Die gibt es aber nur noch in der Vergangenheit.
Deshalb beginnt die Regierung mit der Ausplünderung der Vergangenheit. Die Organisation der ChronoCom schickt Zeitkuriere, die für ihre Aufgabe speziell ausgebildet wurden, in vergangene Jahrhunderte. Diese Chronauten stehlen dort alles, was die Menschen der Gegenwart brauchen. Angefangen von Energiequellen über Rohstoffe und Bodenschätze bis hin zu normalen Lebensmitteln. Das Stehlen einer Ladung Räucherfisch im antiken Karthago ist nichts Außergewöhnliches.
Die Zeitreisen haben natürlich ihre Regeln. Die ChronoCom achtet streng darauf, dass ihre Kuriere den Zeitstrom, den sogenannten Chronostrom, nicht in Unordnung bringen. Verstöße gegen die Zeitgesetze werden als Verbrechen geahndet, Zeitparadoxa vermieden. Sollte sich doch eines ergeben, wird der nächste Chronaut zurückgeschickt, um den Fehler des Kollegen zu korrigieren.
Die Chronauten springen in der Regel zu kurz bevorstehenden Katastrophen. Dort ist die Gefahr am geringsten, Menschen zu töten, die eigentlich hätten weiterleben müssen.
Kaum einer überlebt genug Jahre in der ChronoCom, um sich aus seinem Knebel-Vertrag freikaufen zu können.
Entweder sterben sie bei ihren Einsätzen in historischen Katastrophen oder sie ertragen die psychische Belastung nicht mehr. Sie wissen, dass die Menschen, denen sie begegnen, kurz darauf sterben und dürfen ihnen nicht helfen. Das führt bei den meisten früher oder später zum Suizid.
Oder sie versuchen, in historische Epochen zu fliehen, um dort ihr Leben friedlich zu beenden. Die ChronoCom nennt das „Vergangenheitssucht“. Die Abtrünnigen werden von Revisoren verfolgt, gejagt und zurückgebracht. Je nach Schwere ihres Vergehens werden sie einer medizinischen Behandlung unterzogen, zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt oder hingerichtet.
Über allem steht der Valta-Konzern. Ein mächtiger Wirtschaftskonzern, der vom Elend der Menschen recht gut lebt und alles daransetzt, seine Macht zu erhalten. Sogar die ChronoCom kann nichts gegen Valta ausrichten und arbeitet daher lieber mit dem Konzern zusammen.

James Griffin-Mars ist ein Chronaut erster Klasse. Seine Erfahrungen und Erlebnisse der vielen vergangenen Jahre erträgt er nur noch durch Mengen von
Alkohol zwischen den Einsätzen. Nach dem Unfalltod einer Kameradin sind von seinem Abschlussjahrgang auf der Akademie nur noch sein bester Freund und Lotse Smitt übrig, sowie Shizzu, mit dem er sich nie verstanden hat.
James hat viel gesehen und viel ertragen. Er erträgt die Zeit zwischen seinen Einsätzen nur noch im Alkoholrausch und träumt davon, nach den nächsten ein oder zwei Einsätzen genug Geld angespart zu haben, um sich und Smitt die Freiheit erkaufen zu können.
Die Alpträume sind sein ständiger Begleiter geworden. Er glaubt Personen, die er auf seinen Zeitreisen hat sterben sehen oder sogar selbst getötet hat, real zu sehen.

Endlich scheinen der Chronaut und sein Lotse am Ziel ihrer Hoffnungen. Der angebotene Auftrag verspricht bei Erfolg die sofortige Freiheit.
Er soll ins Jahr 2097 zurückspringen, in eine Zeit des Friedens. Damals glaubte die Menschheit, es endlich geschafft zu haben. Man arbeitete international zusammen, kämpfte gegen Hunger und Naturkatastrophen. Niemand dachte an einen dritten Weltkrieg. Es war das letzte Jahr des Wohlstands vor dem großen Wendepunkt der Menschheitsgeschichte.
James soll von einem militärischen Stützpunkt vor der russischen Küste im Nordpolarmeer bestimmte Geräte stehlen, u.a. einen Datenspeicher. Die Nutris-Plattform war nur wenige Tage, nachdem sie in Betrieb genommen worden war, durch eine Explosion im Eismeer versunken. Die Ursache wurde nie aufgeklärt. Sämtliche Bewohner kamen dabei ums Leben.
Eigentlich ein normaler Auftrag. Doch James ist misstrauisch, weil die ChronoCom sich gerade wegen der unklaren Lage bisher nicht um diese Katastrophe gekümmert hatte. Trotzdem überwiegt die Aussicht auf die Freiheit.
Der Einsatz gerät völlig außer Kontrolle, weil die Einsatzparameter nicht stimmen. James kann zwar den Datenspeicher stehlen, aber wird selbst fast getötet. Innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheidet er sich, das erste Zeitgesetz zu brechen und nimmt die Biologin Elise mit in seine Gegenwart, um ihr Leben zu retten. Er fühlt sich menschlich zu ihr hingezogen und bringt es nichts übers Herz, sie sterben zu lassen.
Anfangs kann er Elise verstecken, aber ihre Entdeckung zwingt den Valta-Konzern dazu, einige Geheimnisse aufzudecken und die Direktoren der ChronoCom einzuweihen.
Der Revisor Levin erhält den Auftrag, den Zeitverbrecher James Griffin-Mars mit allen Mitteln zu jagen. Valta ist nicht nur an dem Chronauten gelegen, sondern noch mehr an seiner Begleiterin, der Biologin aus dem 21. Jahrhundert, die sie als „Anomalie“ bezeichnen.
In den Ruinen der großen Städte leben Menschen, die nach der großen Katastrophe in die Primitivität zurückgefallen sind. Sie haben sich zu Stammesverbänden zusammengeschlossen und versuchen zu überleben, so gut es eben geht.
Elise gelingt der Kontakt zu einem dieser Stämme und die Menschen nehmen sie bei sich auf, obwohl sie James als ehemaligem Chronauten misstrauen. Elise kann mit ihrer warmherzigen und einfühlsamen Art das Eis brechen.
Der Lotse Smitt bleibt bei der ChronoCom zurück und kann die Verfolger noch einige Zeit täuschen, bis er seine Treue mit dem Leben bezahlt. Er ermöglicht James weitere Zeitreisen und verschleiert sie. So kann James u.a. die 96-jährige Grace Priestley aus der Vergangenheit holen, eine hochintelligente Wissenschaftlerin, wahrscheinlich der intelligenteste Mensch, der jemals gelebt hat. Sie gilt als die „Mutter der Zeit“ und hat die Zeitgesetze aufgestellt, nach denen die ChronoCom handelt.
Bei der ChronoCom deckt der Revisor Levin inzwischen die Wahrheit hinter der Nutris-Katastrophe auf. Shizzu, der alte Feind von James, sprang im Auftrag von Valta zurück und sprengte die Plattform, die in Wahrheit eine internationale wissenschaftliche Forschungsstation war. James sollte lediglich „aufräumen“, indem er den Datenspeicher stahl.
Die Biologin Elise und ihr Team arbeiteten an einem Heilmittel gegen die sogenannte Terra-Seuche. Sie begann mit Algenteppichen auf den Wasseroberflächen, die sich rasend schnell ausbreiteten und schließlich den gesamten Planeten zusammen mit der Umweltverschmutzung zu einer Schlammkugel machten.
Die Forschungen standen kurz vor dem Durchbruch. Alle Daten waren in dem Speicher gesichert.
Levin handelt so, wie sein eigener Ehrenkodex es von ihm verlangt. Er ermöglicht James, Elise und dem Stamm in Boston die Flucht. Ein Seitenwechsel kommt für ihn trotzdem nicht in Frage. Er stellt sich dem Gericht und wird zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt.

Was aus James, Elise, Grace und dem Stamm wird?
Es liegt nach der Lektüre auf der Hand, dass Valta mit allen Mitteln verhindern will, dass ein Heilmittel gegen die Terraseuche gefunden wird, denn damit wäre ihre eigene Macht zu Ende.

Rezension:

Mir hat der Roman rundherum gefallen. 492 Seiten, die sich schnell lesen ließen und dabei von der ersten bis zur letzten Seite fesselten.
Nicht nur durch den lockeren und spannenden Schreibstil des Autors, genauso durch die aufgezeigte höchst aktuelle Zeitreise-Thematik und besonders die eindrucksvollen Personencharakteristiken.
Der Autor fängt gar nicht erst mit dem altbekannten „Großvaterparadoxon“ an. Er entwirft ein Zeitreiseszenario auf naturwissenschaftlicher Basis, wie es im Moment unter Wissenschaftlern ernsthaft diskutiert wird.
Grundsätzlich entwickelt der Autor ein Zeitreise-Szenario, das dem Film „Millenium – die 4. Dimension“ von 1989 gleicht. In dem Film holt man Personen, die keine Überlebenschance in ihrer eigenen Gegenwart haben, in die Zukunft. Beim Zeitkurier ist gerade das streng verboten. So oder so – mit diesen „verlorenen“ Personen können keine Zeitparadoxa ausgelöst werden.
Das Thema „Zeitkorrektur“ nimmt ebenfalls großen Raum ein. Denn der erste Einsatz von Shizzu auf der Nutris-Plattform hat genau dieses Ziel. Alle töten, die eventuell in der Vergangenheit die Weichen anders stellen könnten und so die eigene Macht weiterhin sichern.
Wieder einmal wird mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen. Es wird allgemein streng darauf geachtet, dass die (Zeitreise-)Gesetze eingehalten werden. Das gilt nicht für die Mächtigen. Sie scheuen nicht davor zurück, die Gesetze selbst zu brechen, um den eigenen Vorteil zu wahren.
Die Personen sind keine „leichte Kost“. Es dauert, mit ihnen wirklich warm zu werden. Z.B. die Hauptperson, der Chronaut James Griffin-Mars, ist recht gewöhnungsbedürftig. Eigentlich schreckt ein Alkoholiker mich als Protagonist eher ab. Aber da ich bereit war, mich wirklich auf den psychologischen Hintergrund dieses Mannes einzulassen, wurde er mir gleich viel sympathischer. Dass er noch lebt und nicht schon wahnsinnig geworden ist, spricht eher für als gegen ihn. Der Alkohol ist sein Ausweg, ohne den er nicht mehr leben würde.
Im Laufe der Handlung erlebte ich einen von Alp- und Wachträumen gepeinigten Mann, der versucht, vor sich selbst zu fliehen. Stück für Stück verwandelt er sich wieder in einen normal empfindenden Menschen. Ich bin sehr gespannt, wie er sich im zweiten Teil der Trilogie weiterentwickelt.
Sein Gegenpart ist Elise. Sie schafft es, ihn ganz langsam zu ändern, indem sie auf ihn eingeht und dabei selbst versucht, ihr eigenes Schicksal zu bewältigen. Dass sie und er sich dabei ineinander verlieben, geschieht fast zwangsläufig. Beide sind Heimatlose.
Elise muss sich nicht nur in einem fremden Land, sondern auch in einer ihr völlig unverständlichen Zeit zurechtfinden.
Dass sie dabei seine Anweisungen, die nur ihrer Sicherheit dienen, nicht immer befolgt, liegt sicher nicht an unvernünftigem Trotz, sondern an ihrer eigenen Neugier und daran, dass sie ihm helfen will. Nur – sie kennt die Gegenwart nicht und macht dadurch entsprechende Fehler, die teilweise recht gefährlich sind.
Grace Priestley ist eine alte Frau, die sich ihres Wissens und ihrer Intelligenz sehr bewusst ist. Nachdem James sie vor dem sicheren Tod rettet, muss auch sie sich in ihrer Zukunft zurechtfinden. Höchst interessant, wie sie gerade durch ihre Hochbegabung mit den anderen Menschen interagiert. Sie muss mit allen zurechtkommen: Elise, der jungen Wissenschaftlerin, die sie und ihre Art zuerst nicht mag; James, dem Mann, in dem sie eine Art Sohn sieht und den primitiven Menschen, die auf den Dächern von halb zerstörten Wolkenkratzern Gemüse anbauen, um zu überleben.
Grace meistert ihr Schicksal gleichsam mit Zynismus und einem eigenartigen Charme, der jeden unvoreingenommenen Leser für sie einnehmen sollte. Mir gefiel sie sogar noch weitaus besser als James.
Der Lotse Smitt zweifelt eine Weile, ob er zu James halten oder ihn verraten soll. Er entscheidet sich für den alten Freund und bezahlt seine Treue mit dem Leben.
Sehr eindrucksvoll geschildert, besonders seine Überlegungen und Gewissensbisse.
Dann ist das noch die Securitate des Valta-Konzerns. Der totale Gegenpart zu allen anderen Personen. Zählen schon für die Direktoren der ChronoCom die normalen Menschen nicht viel, so bedeuten sie ihr gar nichts. Im Gegenteil. Sie lebt ihre sadistischen Neigungen bei jeder Gelegenheit aus, indem sie Gefangene misshandelt und foltert.
Gerade dieser bunte „Personenteppich“ macht zusammen mit der Zeitreisethematik den Reiz des Romans aus.
Letztlich geht es allen um ein gemeinsames Ziel: auf diese oder jene Weise von den Zeitreisen zu profitieren. Für die einen sind sie die letzte Chance, um lediglich zu überleben – für andere sind sie die Quelle ihrer Macht.
Wer diesen Kampf gewinnt, wird wohl erst der dritte Teil aufklären.

Der zweite Teil erschien 2016 in der amerikanischen Original-Ausgabe. Wann er in deutscher Sprache erscheint, weiß ich bisher nicht.
Wer jetzt schon die Fortsetzung lesen möchte, müsste sich die englische Ausgabe zu Gemüte führen.

Am dritten Band schreibt der Autor im Moment noch.


Ich empfehle den Roman jedem, der sich für die moderne wissenschaftliche Zeitreisetheorie, Psychologie der Personen und mögliche soziale Gesellschaftssysteme der Zukunft interessiert. Wobei die Action auch nicht zu kurz kommt.
Tue, was Du willst, solange Du niemandem damit schadest.
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Re: Der Zeitkurier, Roman von Wesley Chu

Beitrag von Lady Morgana » 25.06.2018, 21:40

Ich hoffe, dass die Bösen verlieren. Hört sich sehr spannend an.
Das Leben ist schön - von einfach hat keiner was gesagt! ;)

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Re: Der Zeitkurier, Roman von Wesley Chu

Beitrag von Cybermancer » 25.06.2018, 22:07

Ist die Sonne in dem Roman auch erloschen?

Weil es Energie nur in der Vergangenheit gibt.
It is no measure of health to be well adjusted to a profoundly sick society.
https://pgp.mit.edu/pks/lookup?op=get&s ... CC04F151DE
https://www.youtube.com/watch?v=WiMwVlpD-GU

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Re: Der Zeitkurier, Roman von Wesley Chu

Beitrag von Vivian-von-Avalon » 26.06.2018, 09:21

Cybermancer hat geschrieben:
25.06.2018, 22:07
Ist die Sonne in dem Roman auch erloschen?

Weil es Energie nur in der Vergangenheit gibt.
Nein, sie ist nicht erloschen, aber ihre Kraft kommt kaum noch richtig auf die Erdoberfläche durch. Denn die Erde ist nur noch eine "Schlammkugel". Es regnet ständig, und nicht Regen aus Wasser, sondern aus Schlamm, Schlacke usw.
Sicher willst Du auf Energiegewinnung aus der Sonne hinaus - das wird in dem Roman zwar nicht direkt thematisiert, aber ich könnte mir vorstellen, dass es unter diesen Umständen zumindest schwierig ist.
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