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Das Ende der Merkel-Ära - ein Nachruf

Verfasst: 30.10.2018, 10:27
von Laurin
Merkel war nun lange Kanzlerin, und noch länger Parteivorsitzende. Wenn man ihre schlechten rhetorischen Fähigkeiten sieht, ist das echt verwunderlich. Lange Zeit war es praktisch nicht möglich, ihr irgendetwas anzuhaben, alles prallte vor ihrer demonstrativ zu Schau getragenen Mittelmäßigkeit ab, und das Volk schien glücklich, ohne jede Visionen und Überzeugungskraft, aber pragmatisch und zuverlässig, regiert zu werden.

Es spricht nicht sehr für die SPD als stärkste Oppositionspartei, gegen eine eigentlich so durchschnittliche Kanzlerin keine größeren Erfolge erzielt zu haben - mit besseren Kandidaten und Programmen wäre das sicher möglich gewesen. Aber der SPD hing die Agenda 2010 wie ein Stück schmutziges Klopapier am Schuh.

So hatte er Merkel leicht. Sie regierte auf Sicht und nahm eigentlich jeden denkbaren Fehler mit, sei es mit einer verschlungenen Atompolitik und halbherzigen Energiewende, der fatalen Austeritätspolitik unter der die Kluft von Arm und Reich auf neue Rekordhöhen anstieg, und ganz Europa darunter litt und auseinander zu fallen drohte. Dazu hatte sie ein Händchen für schlechte Personalpolitik - konnte aber immerhin die schlimmsten 'Stinker' kaltstellen. Nur bei der CSU gelang dies nicht, und so ließ sie sich regelmäßig vorführen - sei es bei der Maut, der Herdprämie, der Diesel-Affäre oder in der Migrationspolitik. Und ausgerechnet das einzige Mal, wo sie zeitweise den Anflug einer Überzeugung entwickelte ("wir schaffen das!"), führte dies aufgrund der reaktionären Politik von 'Schwesterpartei' und Rechtspopulisten und mangelnder Standhaftigkeit zu ihrem politischen Untergang.


Es gibt also viel zu kritisieren. Unter Merkel konnte sich eine AfD breitmachen und die Rechtspopulisten in ganz Europa ausbreiten. Historisch hat sie viele Fehler begangen, aber ich fürchte dass es in Zukunft alles noch viel schlimmer kommen wird, und man die Ära Merkel eines Tages dann als 'Goldenes Zeitalter' ansehen wird. Denn es gibt bei aller Kritik auch eine andere Seite:

Merkel hat sich durch ihren pragmatischen unprätentiösen Regierungsstil wohltuend von den testosterongesteuerten Machos in vielen anderen Regierungen abgehoben. Ihre Regierungspolitik kann man als solide bezeichnen, und in den Jahren ihrer Regentschaft ging es Deutschland insgesamt verhältnismäßig gut. Das wird sich nun dank Trump, Brexit usw. wohl bald ändern - uns stehen desaströse Zeiten bevor.

Sie galt auch zurecht als integer und unbestechlich; undenkbar, dass sie sich wie ein ehemaliger Bundespräsident-als Schnäppchenjäger lächerlich machte; ebenso undenkbar, dass sie sich ähnlich wie Schröder oder Fischer nach ihrer Regierungszeit den Ruhestand mit Pöstchen bei der Industrie vergolden lässt. Dass gerade jemand mit solch mäßigem Charisma und Ausstrahlungskraft so viele Jahre souverän, wenn auch mit vielen Fehlern, sich als verlässliche Größe in der politischen Landschaft bewährte, spricht am Ende doch auch sehr für die Persönlichkeit, die dahintersteckt. Daher, bei aller gebotenen Kritik: Auch Respekt!


Heute war in den Nachrichten zu hören, dass sie nach ihrer Kanzlerzeit keine politischen Ämter mehr anstrebt. Schade, eine Bundespräsidentin Merkel wäre doch ein schöner Alptraum der Neuen Rechten.

Laurin


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